INITIATION – WAS ES WIRKLICH IST UND WARUM DER WESTEN ES FALSCH VERSTEHT

Noch bevor ich überhaupt mit Kambo begonnen habe und lange bevor ich wusste, wohin mein Weg mich irgendwann führen würde, gab es einen Menschen, der mich tief geprägt hat: Christian Rätsch.
Ich habe viele Stunden mit ihm verbracht, zugehört, gefragt, beobachtet – und ein großer Teil meines Verständnisses für Pflanzen, Rituale und Kultur ist aus dieser Zeit entstanden.

Nicht im Sinne von „Ich weiß alles“, sondern im Sinne von:
Ich hatte das Glück, früh jemanden an meiner Seite zu haben, der echte Tiefe verkörperte.

Diese Begegnungen haben meine Haltung geformt.
Sie haben mir beigebracht, wie man hinsieht, ohne zu romantisieren.
Wie man respektiert, ohne zu imitieren.

Und vielleicht spürt man das bis heute in meiner Arbeit und meinen Ansichten.

Es gibt Wörter, die im Westen gedankenlos benutzt werden, obwohl sie eine Tiefe tragen, die kaum einer kennt.
„Initiation“ ist eines dieser Wörter.

Für viele klingt es nach einer spirituellen Weihe, einer Art Energie-Upgrade oder einem geheimen Ritual, das man „erhält“.
In der indigenen Realität hat das damit nichts zu tun.

Eine Initiation ist eine soziale Tatsache, keine persönliche Dekoration.
Sie ist Jahrhunderte alt, kulturell gewachsen, eingebettet in das Überleben eines Stammes und oft verbunden mit Aufgaben, die gefährlich, belastend oder lebensnotwendig sind.

1. Eine Initiation gehört dem Kollektiv – nicht dem Individuum

In indigenen Gesellschaften bedeutet Initiation immer:
Der Mensch verändert seinen Platz in der Gemeinschaft.

Zum Beispiel:

  • vom Kind zum Erwachsenen
  • vom Erwachsenen zum Heiler
  • vom Laien zum Wissenshüter
  • vom Mitglied zum Verantwortlichen für bestimmte Rituale, Pflanzen, Jagdtechniken oder Mythen

Initiation heißt:
Die Gemeinschaft entscheidet, dass du ab jetzt etwas tragen darfst – und tragen musst.

Es ist kein persönliches Abzeichen.
Es ist ein Auftrag.

2. Eine Initiation ist gewöhnlich lang – Jahre, nicht Wochen

Indigene Initiationen entstehen nicht aus Kursen oder Workshops.
Sie sind Teil eines kulturellen Systems, das sich über Generationen entwickelt hat.

Einige Beispiele, ohne sie auszuschmücken:

  • Jungen werden über Monate oder Jahre vorbereitet – oft mit körperlichen Prüfungen, Fasten, Isolation, symbolischen Toden.
  • Heiler werden jahrzehntelang ausgebildet: Pflanzen, Mythen, Tabus, soziale Regeln, Ritualkunde.
  • Viele Initiationen beinhalten Lernen durch Schmerz, Ausdauer, Schweigen, Gehorsam, Beobachtung.

Diese Traditionen existieren seit Hunderten, oft Tausenden Jahren, und haben sich nie am Individuum ausgerichtet – sondern am Erhalt des Stammes, seiner Werte und seines Wissens.

3. Eine Initiation ist immer kulturell verankert

Sie funktioniert nur innerhalb der jeweiligen Kultur.
Mit ihren Göttern, ihrer Kosmologie, ihren Tabus, ihren Geschichten, ihrer Moral, ihren Rollen.

Es gibt keine universelle Initiation.
Jede ist einzigartig und nicht übertragbar.

Wenn ein Stamm sagt:
„Du bist jetzt ein Heiler“,
dann bedeutet das etwas, weil:

  • dieser Stamm die Autorität besitzt,
  • eine soziale Rolle definiert,
  • diese Rolle im Alltag Konsequenzen hat,
  • und die gesamte Gemeinschaft diese Entscheidung respektiert.

Ohne diese Struktur ist Initiation ein leeres Wort.

4. Eine Initiation verpflichtet – oft lebenslang

Sie bringt Pflichten mit sich:

  • Verantwortung für andere
  • Einhaltung bestimmter Regeln
  • Pflege bestimmter Fähigkeiten
  • Schutz bestimmter Rituale oder Pflanzen
  • Verzicht auf bestimmte Freiheiten

Eine Initiation ist nicht nur eine Erlaubnis – sie ist ein Gewicht.
Viele Älteste sagen offen:
„Man trägt es – oder man wird davon getragen.“

Das ist Welten entfernt von dem, was im Westen unter „Initiation“ verstanden wird.

5. Eine Initiation ist nie Selbsternennung

Du kannst dich nicht selbst initiieren.
Du kannst dir keine Initiation kaufen.
Du kannst sie nicht im Retreat oder auf Reise „bekommen“.

In indigenen Kontexten ist Initiation immer:

  • von der Gemeinschaft verliehen
  • von Ältesten bestätigt
  • durch harte Erfahrung geprüft
  • sozial bindend
  • kulturell getragen

Es ist unmöglich, dies künstlich herzustellen – egal wie „spirituell“ das Setting ist.

Warum dieser Unterschied wichtig ist

Weil im Westen gerade inflationär mit einem Wort gespielt wird, das in seiner echten Form:

  • heilig,
  • historisch,
  • sozial verbindlich,
  • und zutiefst ernst ist.

Alles, was im Westen als „Initiation“ bezeichnet wird, ist – in 99 % der Fälle – ein Training, ein Workshop, eine Zertifizierung, eine Erfahrung, aber nicht das, was dieses Wort wirklich bedeutet.

Es fehlt:

  • die Kultur
  • die soziale Struktur
  • die Rolle
  • die Verantwortung
  • die Anerkennung der Gemeinschaft
  • die Einbettung in Jahrhunderte Tradition
  • die Autorität, jemanden zu initiieren

Damit ist es keine Initiation. Punkt.

INITIATION & KAMBO: WAS REAL IST UND WAS NICHT

Jetzt sprechen wir über Kambo – aber nicht in der Instagram-Version, sondern in der Wirklichkeit indigener Praxis.

Denn bevor man irgendetwas über „Kambo-Initiationen“ behaupten kann, muss man verstehen, wie und wo Kambo überhaupt kulturell verankert ist.

Und das ist genau der Punkt, den fast niemand im Westen verstehen möchte.

Kambo stammt nicht aus irgendeiner allgemeinen „Dschungelspiritualität“.
Es stammt konkret aus bestimmten indigenen Gruppen im Amazonas, z. B.:

  • Matsés
  • Katukina
  • Yawanawá
  • Kaxinawá (Huni Kuin)
  • Asháninka

Bei diesen Völkern ist Kambo kein Einzelritual, kein Lifestyle, kein „Energieprozess“.
Es ist:

  • Jagdvorbereitung
  • Immunabwehr
  • körperliche Reinigung
  • Stammeswissen
  • weitergegebene Erfahrung
  • Teil ihrer Identität

Man benutzt Kambo dort seit Generationen – manche Gruppen seit Jahrhunderten.
Nicht als „Heilsweg“, sondern als Teil ihres Lebens.

Das heißt:
Kambo steht nicht isoliert.
Es gehört zu einer ganzen Kultur, einem Kosmos, einer Lebensweise.

Was ist eine indigene Initiation im Kontext von Kambo?

Wichtig: Nicht jeder im Stamm wird für Kambo initiiert.
Meistens betrifft es bestimmte Rollen:

  • Jäger
  • Krieger
  • Heilkundige
  • Ritualverantwortliche
  • Pflanzenkundige
  • Wissenshüter

Eine Kambo-Initiation ist kein „Ritual, bei dem man Kambo bekommt“.
Sondern eine Entscheidung der Gemeinschaft:

Dieser Mensch trägt ab jetzt Verantwortung für dieses Wissen.

Das bedeutet:

  • Er hat Kambo nicht nur genommen – er beherrscht es.
  • Er weiß, wann es hilft und wann es gefährlich ist.
  • Er kennt Tabus, Einschränkungen, Körperreaktionen.
  • Er weiß, wem er es geben darf und wem nicht.
  • Er hat die Ältesten an seiner Seite.

Und:
Er trägt die Konsequenzen, wenn etwas schiefgeht.
Nicht auf Instagram – sondern im Leben seines Stammes.

Das ist Initiation.
Nicht ein Zertifikat.
Nicht eine Urkunde.
Nicht ein Kurs.

Warum das NICHT auf den Westen übertragbar ist

Die westliche Welt hat:

  • keinen Stamm,
  • keine Stammesstruktur,
  • keine traditionellen Rollen,
  • keine Ältesten, die kulturelle Autorität haben,
  • keine soziale Funktion, in die man hineinwächst,
  • keine mythologische Einbettung,
  • keinen gemeinschaftlichen Kontext, der Initiation trägt.

Damit fehlen alle Grundpfeiler einer echten Initiation.

Was bleibt?
Trainings – mehr nicht.

Fakt:
Es gibt keine indigene Gruppe, die westliche Menschen offiziell in ihre Stammesrolle aufgenommen und ihnen damit eine echte Initiation übertragen hat.
Das ist kulturell unmöglich.

Selbst wenn du 10 Jahre bei den Matsés leben würdest – du würdest ihr Wissen lernen können, aber du würdest niemals ein „initiierter Matsés-Heiler“ sein.
Weil du nicht Teil der Stammesstruktur bist.

Das ist keine Abwertung – es ist Kultur.

WARUM DU AN WESTLICHEN „INITIATIONEN“ ZWEIFELN SOLLST

Wenn jemand im Westen von „Initiation“ spricht, passiert Folgendes:

Sie benutzen ein Wort, das eine Jahrhunderte alte, kulturell tief verankerte Bedeutung hat,
um ihr eigenes westliches Training aufzuwerten.

Es ist wie ein Kleidungsstück, das sie anziehen – ohne den Körper, der dazugehört.

Weil eine westliche Ausbildung keine Initiation sein kann

Ein Wochenendkurs, ein Retreat, ein 4-Wochen-Training – alles wertvoll.
Aber keine Initiation.
Weil es keine soziale Rolle, keine Stammesstruktur, keine kulturelle Verantwortung gibt.

Weil Initiation Verantwortung ist – nicht ein Profiltext

Indigen:
„Ich bin initiiert“ = „Ich diene meinem Stamm.“

Westlich:
„Ich bin initiiert“ = „Ich hab eine Urkunde.“

Das sind zwei Welten.

Weil viele den Begriff nutzen, um spirituell tief zu wirken

Wenn andere das Wort „indest“ inflationär nutzen, verwässern sie:

  • die Kultur,
  • die Tradition,
  • und die Verantwortung, die Kambo eigentlich braucht.

Weil es Respektlosigkeit gegenüber den Stämmen ist

Nicht böse gemeint – aber faktisch respektlos.

Eine echte Initiation ist:
Verantwortung.
Last.
Pflicht.
Korrekter Umgang.
Lebenslanges Lernen.

Ein westliches Training ist wertvoll – wenn es ehrlich benannt wird.
Eine indigene Initiation ist heilig – wenn man sie dort lässt, wo sie hingehört.

Zwischen beiden Welten zu unterscheiden, ist kein Angriff.
Es ist Respekt.

Und es ist der einzige Weg, Kambo aufrichtig weiterzugeben – nicht als Kopie indigener Rollen, sondern als verantwortungsvolle Arbeit in unserer eigenen Welt.

Cle
https://kambo-vechta.de

Leave a Reply