Bryan Johnsons Psilocybin Experiment:

Bryan Johnson ist kein Biohacker im Instagram-Sinn, kein Mann, der sich Smoothies fotografiert und Eisbäder filmt, sondern jemand, der aus der Logik der Technologie kommt und genau diese Logik auf seinen eigenen Körper angewendet hat, bis aus „gesund leben“ ein System wurde, das eher an ein Forschungslabor erinnert als an Selbstfürsorge. Er ist Tech-Millionär, Unternehmer, jemand, der Firmen aufgebaut und verkauft hat, und der heute fast seine gesamte Zeit und einen großen Teil seines Vermögens darauf verwendet, Altern messbar zu verlangsamen oder, wie er es selbst formuliert, biologisch umzukehren. Sein bekanntestes Projekt trägt den Namen Blueprint und besteht nicht aus einer Idee, sondern aus einem Protokoll: tägliche Routinen, medizinische Verfahren, Diagnostik, Blutwerte, Bildgebung, Schlafanalysen, Stoffwechselmessungen, alles darauf ausgerichtet, den Zustand seines Körpers nicht nur zu fühlen, sondern permanent in Zahlen zu übersetzen. Nicht um sich besser zu finden, sondern um zu sehen, was tatsächlich passiert.Aus genau diesem Denken heraus entsteht auch der Satz, mit dem er seine Psilocybin-Slideshow beginnt: „I think magic mushrooms are a longevity therapy. Here’s why.“ Ich glaube, Magic Mushrooms sind eine Longevity-Therapie. Hier ist warum. Er stellt das nicht als Erfahrung vor, nicht als Reise, nicht als spirituelles Ereignis, sondern als Intervention in ein System, das bisher aus Dingen bestand wie Schlafoptimierung, Ernährung, Training, Sauna, hyperbarer Sauerstofftherapie und einer Vielzahl weiterer Maßnahmen, die er bereits als seine leistungsstärksten Werkzeuge zur Beeinflussung biologischer Marker betrachtet. Nach zwei Psilocybin-Dosen, so schreibt er, hätten sich in seinen Daten Effekte gezeigt, die sich von allem unterschieden, was er bisher gesehen habe. Und er geht noch weiter, indem er dieses Selbstexperiment als das bislang am stärksten quantifizierte psychedelische Experiment bezeichnet. Das ist seine Wortwahl, seine Einordnung, seine Perspektive.Was er dabei ausdrücklich betont, ist, dass viele seiner Biomarker bereits vor diesem Experiment in Bereichen lagen, die statistisch gesehen extrem günstig sind, im sogenannten 99. Perzentil. Perzentile ordnen Werte in eine Vergleichsgruppe ein. Das 99. Perzentil bedeutet nicht „perfekt“, sondern dass 99 % der Vergleichsgruppe niedrigere oder ungünstigere Werte aufweisen. Und trotzdem, so schreibt er, habe Psilocybin weitere Verbesserungen über mehrere Körpersysteme hinweg gezeigt. Gleichzeitig schiebt er eine methodische Bremse ein, die man ernst nehmen sollte: Seine Daten müssten repliziert werden. Ausmaß und Dauer der Effekte müssten weiter untersucht werden. Er weiß, dass ein einzelner Mensch keine Studie ist.In seiner eigenen Zusammenfassung spricht er von positiven Effekten auf mentale, hormonelle, metabolische und entzündungsbezogene Systeme. Und genau diese vier Bereiche gelten in der Alters- und Stoffwechselforschung als zentrale Treiber biologischer Alterungsprozesse. Nicht, weil sie „Altern“ erklären würden, sondern weil chronischer Stress, hormonelle Dysbalancen, gestörter Stoffwechsel und systemische Entzündung immer wieder mit beschleunigten degenerativen Veränderungen in Verbindung gebracht werden. Dass in all diesen Bereichen gleichzeitig Veränderungen sichtbar wurden, liest er als mögliches Langlebigkeitssignal.Der erste Block, den er hervorhebt, betrifft seinen Stoffwechsel. Er beschreibt Psilocybin als möglichen „metabolischen Reset-Knopf für das Gehirn“. Er habe Gehirnveränderungen erwartet, schreibt er, aber keinen potenziellen metabolischen Durchbruch. Und genau den glaubt er beobachtet zu haben. Grundlage dafür sind kontinuierliche Glukosemessungen, sogenannte CGM-Daten. Ein CGM misst den Glukoseverlauf im Gewebe über den gesamten Tag hinweg und macht sichtbar, wie hoch der durchschnittliche Blutzucker liegt, wie stark er schwankt, wie oft er Spitzen bildet. Das ist etwas anderes als ein einzelner Nüchternwert, weil es den Alltag abbildet: Schlaf, Stress, Bewegung, Essen, alles fließt in diese Kurven ein.Johnson schreibt, seine Glukosekontrolle habe sich nach der Psilocybin-Dosis von den besten zwei Prozent der Bevölkerung auf die besten 0,2 Prozent verbessert, besser als bei 99,75 Prozent der 18- bis 25-Jährigen. Später präzisiert er das. Der durchschnittliche Glukosewert sei um acht Prozent gefallen auf 80,84 mg/dL, ein neuer persönlicher Bestwert. Die Schwankungen seien um elf Prozent gesunken, was gleichmäßigere Kurven und weniger Spitzen bedeute. Aus diesen CGM-Daten wurde außerdem ein geschätzter HbA1c-Wert berechnet, der von 4,7 % auf 4,4 % gefallen sei. HbA1c ist ein Laborparameter, der angibt, wie stark das Hämoglobin im Blut über längere Zeit mit Glukose beladen war, und wird häufig genutzt, um Stoffwechsellagen über Wochen bis Monate zu beurteilen. Werte unter 5,7 % gelten üblicherweise als normnah, 5,7–6,4 % als Prädiabetes-Bereich, ab 6,5 % als diabetischer Bereich. Johnson bewegte sich also bereits vorher in einem sehr niedrigen Spektrum. Er betont dennoch, dass diese eine Sitzung rechnerisch seinen geschätzten HbA1c um 0,3 Prozentpunkte gesenkt habe. Und er schreibt, dass dieser Effekt an Tag drei nach der Dosis noch genauso ausgeprägt gewesen sei wie an Tag eins. Erst eine lange Reise habe die Messreihe unterbrochen.Für ihn ist das deshalb relevant, weil Diabetes und metabolische Störungen in der Medizin fast immer als chronische Zustände behandelt werden, mit Medikamenten wie Metformin, Insulin oder GLP-1-Analoga, die täglich eingenommen werden. Seine Daten, so formuliert er es, deuteten darauf hin, dass ein neuroplastisches Ereignis – also eine tiefgreifende Veränderung von Gehirnzuständen – nachgelagerte Effekte auf Leber und Bauchspeicheldrüse haben könnte, die solche Medikamente nachahmen oder sogar übertreffen. Das ist der spekulativste Teil seines Narrativs. Er formuliert hier keine bewiesene Kette, sondern eine mögliche Lesart seiner Beobachtung.Der zweite Block betrifft Entzündung. Johnson misst hochsensitives C-reaktives Protein, hsCRP. Das ist ein Marker für systemische Entzündungsaktivität, der auch in der Kardiologie als grober Risikohinweis genutzt wird. Fünf Tage nach seiner ersten Dosis sei sein hsCRP unter die Nachweisgrenze gefallen. Von einem Ausgangswert von 0,23 mg/dL auf unter 0,15 mg/dL. Drei Tage nach der zweiten Dosis lag er bei 0,18 mg/dL, immer noch deutlich unter seinem Ausgangswert. Er schreibt, dass TNF-alpha, ein entzündungsförderndes Zytokin, zwischen Baseline und nach der zweiten Dosis unverändert geblieben sei, und dass er in zukünftigen Durchgängen ein breiteres Entzündungsprofil erfassen wolle, unter anderem IL-6 und IL-10. Auch hier gilt: hsCRP kann durch viele Faktoren beeinflusst werden, Infekte, Training, Schlaf, Stress. Er beschreibt eine zeitliche Nähe, kein isoliertes Kausalgesetz.Der dritte große Bereich ist die Stressachse. Johnson schreibt, Psilocybin habe Körper und Geist beruhigt und in den Tagen nach der Dosis zu niedrigeren Cortisolwerten und einer gedämpften HPA-Achse geführt. Die HPA-Achse ist das zentrale neuroendokrine Stresssystem des Körpers, bestehend aus Hypothalamus, Hypophyse und Nebennierenrinde. Sie steuert unter anderem die Ausschüttung von Cortisol. Cortisol ist kein Feindhormon, sondern essenziell für den Stoffwechsel, für den Blutdruck, für Wachheit und Anpassung. Es folgt normalerweise einem Tagesrhythmus mit höheren Werten am Morgen und niedrigeren am Abend. Chronisch erhöhte oder dysregulierte Cortisolmuster werden jedoch mit Schlafstörungen, metabolischen Problemen und Erschöpfung in Verbindung gebracht.Johnson beschreibt, dass Cortisol im akuten Höhepunkt der Erfahrung stark angestiegen sei, etwa auf das Dreifache seines morgendlichen Spitzenwertes, sich bis zur Nacht aber wieder normalisiert habe. In den Tagen danach seien seine morgendlichen Cortisolwerte um 42 % gefallen. Gleichzeitig sei DHEA-S, ein Hormon aus der Nebennierenrinde, das häufig als Marker für adrenale Aktivität betrachtet wird, um 45 % gesunken. Für ihn deutet das auf eine gedämpfte HPA-Achse und einen Zustand von Ruhe und Erholung hin. Zusätzlich schreibt er, sein Estradiol sei um 200 % gestiegen. Estradiol ist ein zentrales Sexualhormon, dessen Normalbereiche extrem stark von biologischem Geschlecht, Alter, Zyklusstatus und Messmethode abhängen. Prozentangaben ohne Ausgangswert und Kontext sagen wenig über klinische Bedeutung, aber er bringt diese Veränderung in Zusammenhang mit ersten Hinweisen, dass periphere 5-HT2A-Aktivierung die Aromatase-Expression beeinflussen kann, also Enzyme, die an der Bildung von Östrogenen beteiligt sind.Der vierte Block ist das Gehirn. Johnson schreibt, Psilocybin habe neuronale Plastizität erhöht, Default-Netzwerke entkoppelt und zu mehr Kreativität, Verspieltheit und Offenheit bei geringerer mentaler Starrheit geführt. Das Default Mode Network ist ein Netzwerk von Hirnarealen, das vor allem aktiv ist, wenn wir nach innen gerichtet sind, über uns selbst nachdenken, erinnern, planen, grübeln. In vielen Studien zu Psychedelika zeigt sich, dass die normale Kohärenz dieses Netzwerks verändert ist, was subjektiv oft als Auflösung starrer Selbstnarrative erlebt wird. Psilocybin wirkt dabei primär über den 5-HT2A-Rezeptor, einen Serotoninrezeptor, der in vielen kortikalen Regionen vorkommt und zentrale Effekte auf Wahrnehmung, Kognition und Netzwerkdynamiken hat.Johnson nutzt ein eigenes Messsystem aus dem Umfeld von Kernel und beschreibt sogenannte Kernel-Flow-Messungen, die nach der ersten Dosis Verschiebungen in seiner Gehirnkonnektivität gezeigt hätten, die zu seiner subjektiven Erfahrung passten. Er spricht von einer Hemmung von Default-Netzwerken und Kontrollzentren, einschließlich präfrontaler Bereiche, und von einer Verschiebung hin zu erhöhter funktioneller Konnektivität und Hyperintegration zwischen primären motorischen, sensorischen, auditiven und sprachverarbeitenden Netzwerken. Dieses Muster beschreibt er als „entropischer“, also offener, flexibler, explorativer, kreativer, und deutet es als Übergang von einem gealterten, rigiden Zustand zu einem offeneren, jugendlicheren Gehirnzustand.Er betont außerdem, dass die zweite Dosis auf der ersten aufgebaut habe. Die Baseline-Messung vor der zweiten Session habe bereits einen stark anhaltenden Effekt der ersten Dosis gezeigt. Die Post-Peak-Messung nach der zweiten habe diesen Effekt weiter verstärkt, mit höherer Gehirnentropie und stärkerer sensomotorischer Integration als beim Höhepunkt der ersten. Besonders auffällig sei eine verstärkte Aktivierung der Hör-, Sprach- und Sprachverarbeitungsnetzwerke gewesen, zeitgleich damit, dass bei der zweiten Dosis Familie und Freunde virtuell anwesend waren und er es genoss, Gefühle auszudrücken und zu beschreiben.Parallel dazu dokumentierte er thermale Daten. Er schreibt, sie hätten die erste thermische Karte von Gesicht und Oberkörper während einer intensiven Psilocybin-Erfahrung erstellt. Eine Erhöhung der Kerntemperatur um 1,5 bis 2 °F habe auf eine sehr starke psychedelische Aktivierung hingedeutet, vermutlich aufgrund der hohen Dosis. Er beschreibt, dass Wärme zum Körperkern umverteilt worden sei, was mit einer 5-HT2A-vermittelten autonomen Aktivierung vereinbar sei, also mit einer verstärkten Aktivität des sympathischen Nervensystems, das unter anderem Durchblutung, Gefäßtonus und Temperaturverteilung steuert. Diese thermischen Verschiebungen deutet er als körperliches Korrelat einer intensiven Mischung aus Freude, Einsicht und subtiler Melancholie.Am Ende legt er seine Experimentdetails offen. Zwei Dosen getrockneter und pulverisierter Psilocybe-cubensis-Pilze der Variante B+. Die erste am 9. November mit 4,67 Gramm, ausgewiesen als 24,98 mg Psilocybin und 3,5 mg Psilocin, in einem relativ privaten Setting mit einer Begleitperson und Guide. Die zweite am 30. November mit 5,35 Gramm, 28 mg Psilocybin und 4 mg Psilocin, in einem offeneren Setting, mit Freunden und Familie virtuell dabei und Live-Stream.Was dieses Material zeigt, ist nicht, dass Psilocybin „bewiesen“ eine Longevity-Therapie ist. Es zeigt, wie ein Mensch, der seinen Körper seit Jahren in Daten zerlegt, eine psychedelische Erfahrung nicht als Ausnahme, sondern als Variable in einem biologischen System behandelt. Er zeigt Messwerte, Muster, Korrelationen, zeitliche Verläufe. Er formuliert Hypothesen. Er setzt Superlative. Und er schreibt gleichzeitig, dass Replikation nötig ist. Sein Projekt ist nicht Spiritualität, sondern Kartografie. Nicht „was habe ich gefühlt“, sondern „was hat sich in mir verschoben“.Und genau deshalb ist sein Satz so provokant: „Ich glaube, Magic Mushrooms sind eine Longevity-Therapie.“ Nicht, weil er bewiesen wäre, sondern weil er aus einer Welt kommt, in der normalerweise Moleküle, Geräte und Medikamente diesen Satz für sich beanspruchen. Hier spricht ihn jemand aus, der versucht, Bewusstsein, Stoffwechsel, Stressachsen und Entzündung in ein gemeinsames Koordinatensystem zu bringen. Nicht als Wahrheit. Sondern als Datensatz.

Cle
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