Benzodiazepine versus Ketamin

Manche Krisen, manche Depressionen, manche Verzweiflung sind so tief, dass herkömmliche Antidepressiva nicht mehr greifen. Dann arbeiten Kliniken mit zwei grundlegend unterschiedlichen Möglichkeiten: einerseits mit Sedierung — mit Substanzen aus der Familie der Benzodiazepine, andererseits mit Neuordnung — mit Ketamin. Beide Wege können kurzfristig Erleichterung bringen. Aber sie arbeiten auf gegensätzliche Art und haben grundverschiedene Konsequenzen.

Was ist Ketamin — und warum ist es kein Opiat

Ketamin wirkt nicht über Opioidrezeptoren wie klassische Opiate (z. B. Morphin, Heroin, Fentanyl). Es gehört pharmakologisch zur Gruppe der NMDA-Rezeptor-Antagonisten. Durch die Blockade dieser Rezeptoren verändert Ketamin die glutamaterge Signalübertragung im Gehirn — ein Mechanismus, der mit Schmerzverarbeitung, Wahrnehmung und neuronaler Plastizität zu tun hat.

Das heißt: Es gibt keine strukturelle Verwandtschaft mit Opioiden — keine gleichen Rezeptoren, keine selben Abhängigkeitspfade, keine selben Entzugsmuster. Ketamin kann zumindest theoretisch auch bei Personen mit früherer Opiat-Vergangenheit angewandt werden — sofern keine aktuellen Risikofaktoren wie aktiver Konsum oder Missbrauch bestehen.

Warum also halten Menschen Ketamin oft fälschlicherweise für ein Opiat?

Weil mehrere Faktoren zusammenkommen: Ketamin kann schmerzlindernd wirken, wie manche Opioide; es erzeugt in höheren oder psychoaktiven Dosen eine Art Entrückung bzw. Dissoziation — subjektiv erlebt manche das ähnlich wie eine Opiatwirkung; und in der Popkultur (Club-Szene, Drogenerfahrungen) werden Begriffe vermischt und Wirkungen übertrieben, sodass Ketamin oft in denselben Kontext gerückt wird. Diese Mischung aus Schmerz­linderung, Sedierung und dem Ruf als „Rauschmittel“ — plus mangelndem Wissen über Neuropharmakologie — erzeugt den Fehlschluss.

Dabei bergen Ketamin und Opioide ganz unterschiedliche Risiken und Erwartungen: Ketamin zielt nicht primär auf Betäubung und Dämpfung, sondern auf eine schnelle Veränderung im Gehirn — Potential für Neuroplastizität, Affektveränderung, Aufbrechen festgefahrener, depressiver Muster.

Warum Ketamin eine echte therapeutische Alternative sein kann

Die Forschung der letzten Jahre zeigt: Bei Menschen mit therapieresistenter Depression (also wenn klassische Antidepressiva nicht wirken) kann Ketamin oft schnell und deutlich helfen — manchmal innerhalb Stunden bis Tagen.

Der neurologische Hintergrund liegt im Zusammenspiel von glutamaterger Signalübertragung, Synapsenneubildung und Neuroplastizität: Ketamin führt offenbar dazu, dass das Gehirn flexibler, empfänglicher und neu strukturierbar wird. psych.mpg.de+2Annual Reviews+2

Dadurch kann Ketamin nicht nur bei akuter Suizidalität und schweren Depressionen helfen, sondern — in professionell begleitetem Rahmen — auch langfristige Effekte ermöglichen. Erste Studien deuten sogar an, dass Ketamin helfen kann, langfristig wieder Medikamente wie Benzodiazepine abzusetzen. PMC+1

Trotzdem gibt es offene Fragen und Grenzen: Manche Studien zeigen, dass die antidepressive Wirkung mit der Zeit nachlassen kann, wiederholte Infusionen nötig sind, und nicht alle Menschen gleich gut ansprechen. Nature+2ScienceDirect+2 Außerdem sind Nebenwirkungen möglich — etwa vorübergehende Dissoziation, Kreislaufveränderungen, gelegentlich Entfremdungsgefühle. ResearchGate+2Wikipedia+2

Vergleich: Ketamin-Infusion versus Benzodiazepine — zwei grundverschiedene Wege

Wenn man Ketamin und Benzodiazepine gegenüberstellt, zeigt sich klar, wie unterschiedlich sie wirken und wofür sie jeweils stehen:

Benzodiazepine funktionieren als Beruhiger, als schnelle, verlässliche Sedierung. In einer Krise — Panik, Angst, existenzielle Überforderung — können sie kurzfristig retten. Sie sind verfügbar, vertraut, oft die erste Reaktion in akuten Situationen. Ihr Vorteil: schnelle Wirkung, breite Verfügbarkeit, viele Ärzte kennen sie, viele Patienten vertrauen sie. Der Nachteil: Sie beruhigen nur — sie heilen nichts. Bei längerem Gebrauch droht Abhängigkeit, langsam zunehmende Betäubung des Psychischen, emotionale Verflachung, Gedächtnis- oder Motivationsverlust. Sie verändern nichts, sie frieren bestenfalls ein.

Ketamin dagegen wirkt nicht durch Betäubung, sondern durch Reorganisation. Es kann eingefahrene Schaltkreise im Gehirn aufbrechen, neue Wege ermöglichen, depressive Blockaden lösen. Es zielt nicht auf kurzfristige Betäubung, sondern auf nachhaltige Veränderung — vorausgesetzt, es wird professionell begleitet, mit Nachsorge und psychotherapeutischer Integration. Der Vorteil: Potenzial für echte Heilung, schnelle Wirkung bei therapieresistenter Depression, weniger Abhängigkeitsrisiko durch Opioid-Mechanik, Öffnung für neue Lebensperspektiven. Der Nachteil: Wirkung kann vorübergehend sein, nicht jeder spricht an, wissenschaftlicher Konsens fehlt für Langzeittherapie; Risiken müssen sorgsam abgewogen werden; medizinische Rahmenbedingungen und Nachsorge sind entscheidend.

Und: Während Benzodiazepine noch reflexartig und breit verschrieben werden — häufig bei gesellschaftlich anerkannten Anlässen von Schmerz und Verlust — ist Ketamin noch selten, neu, mit Vorbehalt belegt. Viele Ärzte, viele Systeme sind (noch) nicht bereit, die Verantwortung für etwas anderes als Betäubung zu übernehmen.

Was Ärzte und die Forschung dazu sagen — und was noch unklar ist

n der wissenschaftlichen Literatur und in Fachartikeln wird Ketamin inzwischen als ernstzunehmende Option bei behandlungsresistenter bzw. schwerer Depression diskutiert. psychiatryonline.org+2ResearchGate+2 Einige Studien zeigen, dass mehrfach verabreichtes Ketamin die Remissionsraten erhöht und die Wirkdauer verlängert. Nature+2ResearchGate+2

Gleichzeitig gibt es Hinweise auf Interaktionen mit anderen Psychopharmaka — besonders mit Benzodiazepinen. In mehreren Untersuchungen reduzierte gleichzeitiger Benzodiazepin-Gebrauch die Wirkdauer von Ketamin signifikant oder verringerte seine Wirksamkeit. PMC+1

Aus Sicht vieler Expert*innen könnten NMDA-Antagonisten wie Ketamin oder auch verwandte Substanzen — richtig eingesetzt und gut überwacht — eine wichtige Lücke schließen: jene zwischen kurzfristiger Sedierung und langfristiger, tiefgreifender psychischer Heilung. Annual Reviews+2ResearchGate+2

Dennoch bleibt vieles offen: Langzeitdaten fehlen, die optimale Dosis und Behandlungsfrequenz sind nicht einheitlich etabliert, und nicht alle Patient*innen sprechen an. Manche zeigen Rückfälle, manche benötigen Nachinfusionen, manche haben Nebenwirkungen. Unsere Erkenntnis ist: Ketamin ist kein Allheilmittel, sondern ein Werkzeug — mächtig, ja; aber mit Verantwortung.

Meine persönliche Meinung

Am Ende geht es für mich um eine grundsätzliche Frage: Wer entscheidet eigentlich, wie viel Leid medizinisch ernst genommen wird? Und warum wirken manche Verschreibungspraxen so verzerrt – nicht aus böser Absicht, sondern weil das System an bestimmten Stellen starr geblieben ist?

Ich meine das nicht anklagend. Ich weiß, dass viele Ärztinnen und Ärzte jeden Tag versuchen, gute Entscheidungen zu treffen und niemandem schaden wollen. Aber trotzdem sehe ich ein Muster: Verschreibungen orientieren sich oft weniger daran, wie sehr ein Mensch innerlich kämpft, sondern daran, ob der Anlass gesellschaftlich als „groß genug“ gilt.

Gibt es einen Anlass, der nach Leitlinien, Systemlogik und gesellschaftlicher Norm legitim genug ist, um ein starkes Beruhigungsmittel zu geben?

Ein Partner, eine Ehefrau, ein Ehemann – legitim.
Ein Kind – legitim.
Ein Elternteil – legitim.

Ein Hund?
Für viele Ärzte: „nicht legitim genug“.

Dabei zeigt die Bindungsforschung seit Jahren, dass der Verlust eines Tieres neurobiologisch genauso starke Stressreaktionen auslösen kann wie der Verlust eines Menschen.
Das Leid ist nicht geringer – es ist nur sozial weniger anerkannt.
Das ist der blinde Fleck des Systems.

Wenn ein Partner, ein Elternteil oder ein Kind stirbt, wird ein starkes Beruhigungsmittel in der Regel problemlos verordnet. Das ist verständlich, und es soll auch so bleiben – niemand soll unversorgt durch eine solche Krise müssen.

Dass ich als Beispiel den Tod eines Hundes nenne, ist nicht als Gleichsetzung gemeint und soll niemandem zu nahe treten. Es ist nur ein Hinweis darauf, dass Leid subjektiv ist, und dass individuelle Bindung nicht immer in den Kategorien messbar ist, nach denen das medizinische System sortiert. Die Bindungsforschung zeigt seit Jahren, dass auch der Verlust eines Tieres intensive neurobiologische Stressreaktionen auslösen kann. Nicht immer. Nicht bei jedem. Aber oft genug, um ernst genommen zu werden.

Was mich beschäftigt, ist dieser blinde Fleck: Manche Arten von Schmerz gelten als „würdig“ für ein Medikament – andere nicht. Nicht, weil der Schmerz tatsächlich kleiner wäre, sondern weil er nicht in eine gesellschaftliche Schublade passt. Und dieser Mechanismus erklärt, warum Benzodiazepine so häufig eingesetzt werden: Sie sind alt, vertraut, günstig und wirken schnell. Hausärzte kennen sie gut, sie gelten als sicherer Standard, und die Verantwortung dahinter wirkt überschaubar.

Ketamin dagegen hat den Ruf des „Neuen“, „Ungewöhnlichen“, „Schwierigen“. Es verlangt nach einem Rahmen, Nachsorge, Verantwortungsbereitschaft. Und genau das führt dazu, dass es trotz guter wissenschaftlicher Daten meist nur dort eingesetzt wird, wo spezialisierte Kliniken und strukturierte Behandlungswege existieren. In der Schweiz ist dieser Umgang offen, mutiger, weniger von Leitlinienangst geprägt. Deutschland ist vorsichtiger, regulatorischer, zögerlicher.

Mir geht es dabei nicht um Kritik an einzelnen Ärztinnen oder Ärzten. Es geht darum, dass das System manchmal nicht nach echter Belastung entscheidet, sondern nach Tradition, Norm und Verantwortungsspielraum.

Ketamin ist kein Wundermittel – und es wird das nie sein. Aber es ist ein Ansatz, der Leben verändern oder sogar retten kann, gerade dann, wenn jemand seit Monaten oder Jahren in einer Depression feststeckt, die auf nichts mehr reagiert. Es ist ein Werkzeug, kein Zauberstab. Und wie jedes Werkzeug wirkt es nur sinnvoll, wenn es verantwortungsvoll eingesetzt wird.

Ich wünsche mir einfach, dass wir Leid nicht nach „groß“ und „klein“ einteilen. Dass wir ein bisschen offener werden für die Tatsache, dass Menschen unterschiedlich fühlen. Und dass wir mutig genug sind, dort neue Wege zuzulassen, wo alte Methoden nur noch betäuben, aber nichts mehr bewegen.

Cle
https://kambo-vechta.de

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