Die Matsés – Zwischen Wald und Welt

Die Matsés sind eines der letzten Völker des westlichen Amazonasgebiets, die ihr Wissen über den Frosch Kambo bis heute bewahrt haben. Sie leben an der Grenze zwischen Nord-Peru und West-Brasilien im Einzugsgebiet des Javari, in Dörfern entlang von Gálvez, Yaquerana und Lobo, verteilt auf Peru und das brasilianische Vale do Javari.

Die verlässlichsten aktuellen Zahlen sprechen von ungefähr 2.200 Menschen in Peru und 1.100–1.300 in Brasilien; insgesamt also rund 3.200–3.500 Personen – ein mittelgroßes Volk, nicht das größte, aber eines mit seltener kultureller Geschlossenheit und einer sehr lebendigen Sprache aus der panoanischen Familie.

Im Jahr 2009 wurde auf peruanischer Seite die Reserva Nacional Matsés ausgewiesen, über 4.206 km² Regenwald, ein Puffer aus gesetzlichem Schutz um einen Lebensraum, der für die Matsés nie nur Ort war, sondern Verwandtschaft. Das Reservat ist mehr als eine Grenze auf einer Karte. Es ist der Versuch, eine Verbindung zwischen Schutz und Selbstbestimmung zu schaffen.

Wer die Matsés verstehen will, muss begreifen, dass Wissen hier Beziehung ist. Der „Frosch“ – Phyllomedusa bicolor, ist nicht bloß Tier und nicht „Medizin“ im westlichen Sinn, sondern Verbündeter in einem Ritual, das die Matsés traditionell als körperlich-spirituelle Reinigung und als Vorbereitung auf die Jagd verstehen: Schärfung der Sinne, Widerstand gegen Müdigkeit, das Vertreiben von panema – jener Schleier von Pech und Trägheit, der Wahrnehmung und Jagdglück dämpft.

Doch kein Dorf gleicht dem anderen. Zwischen den Flüssen und Dörfern variieren Gesänge, Timing, rituelle Vorbereitung, die Wahl des Werkzeugs für den Hautschnitt, die Frage, ob das Sekret mit Wasser angerührt wird oder Speichel und welche Lieder den Frosch rufen.

Die Literatur beschreibt Kambo als Praxis mehrerer panoanischer Gruppen; sie lässt Raum für lokale Differenz – und genau diese feinen Unterschiede tragen die Identität der Dörfer.

Dass Kambo heute weltweit bekannt ist, war kein Plan der Matsés, sondern die Folge zweier Bewegungen, die einander fanden: wissenschaftliche Neugier und spirituelle Nachfrage. Mit dem wachsenden Interesse kamen Spannungen: Ein Markt entstand, Preise stiegen, während am Anfang oft Menschen standen, deren Beiträge kaum vergütet wurden. Wissen, das über Generationen im Wald gehütet wurde, landete plötzlich in Großstädten, Retreats und Laboren.

Die Antwort der Matsés war bemerkenswert. Sie begannen – gemeinsam mit der Organisation Acaté Amazon Conservation – ihr Heilpflanzenwissen in der eigenen Sprache zu dokumentieren. Ein mehrbändiges ethnobotanisches Werk, geschrieben von Ältesten, für die eigene Gemeinschaft. Nicht übersetzt, nicht veröffentlicht, nicht für den Westen bestimmt. Es ist ein Schutzschild gegen Biopiraterie und ein Akt kultureller Selbstbestimmung: Wissen sichern, ohne es preiszugeben.

Parallel haben die Matsés begonnen, ihr Territorium selbst zu kartieren. Mit GPS, mit ihren eigenen Händen, mit Kenntnis jedes Flusses, jeder Salzlecke, jeder Pflanze. So belegen sie gegenüber Behörden, was ihnen gehört, und können staatliche Eingriffe belegen oder zurückweisen. Diese Karten sind nicht Symbol, sondern Werkzeug – politische Dokumente, geschrieben in der eigenen Sprache.

Zwischen Wald und Satellit entsteht eine neue Generation. Die jungen Matsés wachsen in zwei Welten auf – mit Bogen und Handy, mit Solarstrom, Musik, WhatsApp und Unterricht in zwei Sprachen. Sie sprechen Matsés und Spanisch oder Portugiesisch, tragen T-Shirts und Jeans, hören Popmusik und kennen doch jede Spur im Wald. Handys sind selten, aber sie existieren – aufgeladen über Solarpaneele, verbunden über Funkrouter. Wenn das Netz kurz aufflackert, verschmelzen zwei Welten. Dann werden Sprachnachrichten verschickt, Lieder gehört, Fotos gemacht – und manchmal auch Heilpflanzen dokumentiert.

Die Älteren sagen, die Jungen hören weniger auf den Wald. Doch viele der Jungen nutzen das Neue, um das Alte zu bewahren. Sie fotografieren Pflanzen, nehmen Geschichten ihrer Großeltern auf, zeichnen Rituale auf – nicht, um sie zu zeigen, sondern um sie nicht zu verlieren.

Wie jedes lebendige Volk sind auch die Matsés kein Standbild. In einigen Dörfern reisen Männer regelmäßig nach Iquitos, um Kambo anzubieten – mit Zustimmung ihrer Gemeinschaft, als Einkommensquelle. Andere lehnen das ab. Für die einen ist es ein Weg, das Wissen sichtbar zu machen, für die anderen eine Verletzung der Balance zwischen Mensch, Tier und Wald. So unterschiedlich wie ihre Flüsse sind auch ihre Grenzen.

Zugang zu den Dörfern gibt es mit Erlaubnis. Kein Besucher darf ohne Zustimmung eintreten, kein Forscher ohne Einwilligung arbeiten.

Wer kommt, kommt über Einladung oder eine Vermittlung ,und ja, es ist auch eine Frage des Geldes.

Logistik, Boote, Benzin, Begleitung, Rücklagen für Schule und Medizin: alles wird gemeinsam verhandelt. Keine Show, kein Abenteuer, sondern Abkommen.

Dass die Matsés weder „puristisch“ noch „beliebig“ sind, zeigt sich in ihrer Haltung. Sie wissen, dass Kambo keine Ware ist, sondern Beziehung. Sie wissen, dass Wissen Macht ist – und dass Macht Verantwortung bedeutet. Und sie wissen, dass moderne Technik, wenn sie bewusst genutzt wird, kein Verlust ist, sondern ein neues Werkzeug, um das Alte zu schützen.

Heute leben die Matsés viel moderner, als die gängigen Bilder glauben machen. Natürlich bewahren sie ihre Sprache, ihre Rituale, ihre Verbindung zum Wald , aber kaum jemand läuft noch mit einem Federkleid herum oder trägt täglich Gesichtsbemalung.

Die Fotos, die in Magazinen oder auf spirituellen Plattformen kursieren, sind in den meisten Fällen nachgestellt. Sie entstehen für Kameras, für den Tourismus, für eine Sehnsucht nach Ursprünglichkeit, die in der Realität so kaum mehr existiert.

Lasst euch davon nicht täuschen. Verwechselt Authentizität nicht mit Show. Viele dieser Inszenierungen erzählen mehr über den westlichen Blick als über das Leben der Menschen im Amazonas. Der wahre Respekt beginnt dort, wo man aufhört, sich Geschichten vom „Unberührten“ erzählen zu lassen, und anfängt zuzuhören, wie diese Menschen selbst ihr Leben sehen. Denn sie brauchen keine Romantisierung, sondern Augenhöhe.

Keine Mythen, sondern Respekt. Und genau darin liegt ihre eigentliche Superkraft: in der Fähigkeit, Tradition zu tragen, ohne sich von der Gegenwart zu trennen.

QuellenverzeichnisAcate Amazon Conservation. (n. d.). The Matsés people. Abgerufen am 12. November 2025, von https://acateamazon.org/what-we-do/the-matses-people/Acate Amazon Conservation. (2021, Juni). Matsés Indigenous Leadership and Governance Initiative – Field Report. Abgerufen von https://acateamazon.org/uncategorized/june-2021-field-report-matses-indigenous-leadership-and-governance-initiative/Acate Amazon Conservation. (n. d.). Healing Forests Program. Abgerufen von https://acateamazon.org/Cultural Survival. (2019). Forest of Their Own: The Matsés of the Peruvian Amazon. Abgerufen von https://www.culturalsurvival.org/publications/cultural-survival-quarterly/forest-their-ownde Carvalho, C., & da Silva, R. (2018). The Amazonian Kambo frog (Phyllomedusa bicolor): Current knowledge on biology, toxinology, and ethnopharmacology. Journal of Ethnopharmacology, 220, 56–70. https://doi.org/10.1016/j.jep.2018.03.022Instituto Socioambiental (ISA). (n. d.). Povo Matsés. Abgerufen von https://pib.socioambiental.org/en/Povo:Mats%C3%A9sMongabay News. (2020, Mai 14). Painstaking mapping initiative helps Indigenous Peruvians defend their land. Abgerufen von https://news.mongabay.com/2020/05/painstaking-mapping-initiative-helps-indigenous-peruvians-defend-their-land/Wikipedia. (2025). Matsés. In Wikipedia, The Free Encyclopedia. Abgerufen am 12. November 2025, von https://en.wikipedia.org/wiki/Mats%C3%A9sWikipedia. (2025). Matsés National Reserve. In Wikipedia, The Free Encyclopedia. Abgerufen am 12. November 2025, von https://en.wikipedia.org/wiki/Mats%C3%A9s_National_ReserveJournal Religio (Masaryk University). (2021). Entheogens and Indigenous Identity: The Case of Kambo among Panoan Peoples. Abgerufen von https://journals.phil.muni.cz/religio/article/view/40520/34231Indigenous Communities Magazine (IC Magazine). (2020). The Matsés are revitalizing a living healthcare system. Abgerufen von https://icmagazine.org/the-matses-are-revitalizing-a-living-healthcare-system/Katukina Documentation Project. (n. d.). Matsés Ethnobotany and Kambo. Abgerufen von https://katukina.com/doc/matses

Cle
https://kambo-vechta.de

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